Umzug in die Sozialhilfe – ein Bericht

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Mein Mündel ist gestern 18 geworden. Das bedeutet Wechsel von der Jugendhilfe zur Sozialhilfe. Die Jungen werden neu auf die Kommunen verteilt. Das nennt sich Zuweisung. Die Anfangswirrungen habe ich ja schon früher erläutert. Inzwischen haben sich die Ämter geeinigt: Spätestens eine Woche vor dem Geburtstag soll die Zuweisung intern passieren. Dann also bekommt das Sozialamt die Info und kann einen Platz in einer Unterbringung zuordnen.

Ich verallgemeinere mal im Folgenden etwas, aber in etwa so ist wohl der Ablauf:

Solange der Asylantrag noch in Bearbeitung ist, muss der junge Volljährige zwingend in eine Unterkunft der Stadt. Die Zuweisung kann man dann am Geburtstag oder dem ersten darauffolgenden Werktag beim Sozialamt auf der Junghansstraße 2 am Pohlandplatz in Striesen im Erdgeschoss abholen.

Dann geht es mit dieser Zuweisung in die 2. Etage, wo die Geldleistungen ausgegeben werden. Security-Herren gibt es in diesem Amt mehr als genug, sie stehen einem meist mit Rat und Tat zur Seite und öffnen die Türen zu den Mitarbeiterzimmern, denn diese sind von außen mit einem Knauf versehen. Die Stimmung ist irgendwie entsprechend.

Per Lautsprecher wird man aufgerufen, anschließend erhält man vom Mitarbeiter des Sozialamts folgende Unterlagen:

  • Einen Scheck über das monatliche Geld, im Moment 354 Euro, bei Unterbringung im Heim werden davon nur 320 ausgezahlt. Diesen Scheck kann man ein paar Zimmer weiter, bei der Kasse einlösen.
  • Einen Krankenschein, der fürs Quartal gilt. Dieser Krankenschein ist nur gültig für die Flüchtlingsambulanz in der Uniklinik. Dort muss also zwingend zumindest die Erstbehandlung erfolgen.
  • Einen Antrag auf Leistungen nach dem Asylbewerberleistungsgesetz, den man bis zum nächsten Besuch ausfüllen soll. In diesem Zusammenhang ist dann auch ein Kontoauszug mitzubringen, denn das Amt überprüft die Vermögenswerte. Alles über 200 € wird gegengerechnet.
  • Einen neuen Termin im nächsten Monat mit Mitarbeiter, Datum und genauer Uhrzeit (der Asylbewerber muss nun monatlich zum Amt)
  • Einen Antrag für den Dresden-Pass, der vergünstigte Tickets bei der DVB möglich macht, vor allem die Abo-Monatskarte für Schüler kostet dann nur 24, 85 €. Der Pass bietet aber noch mehr Vergünstigungen, wie günstigere Eintritte in Museen, Schwimmbäder usw.
  • Eventuell gibt es auch noch einen Termin bei der Ausländerbehörde, der hier gleich bekanntgegeben wird

Mein Mündel ist nun auf der Lockwitztalstraße 60 gelandet (das ist hinterm Kaufpark Nickern an der Grenze zu Heidenau) – in einem Dreibettzimmer. Das war sehr ernüchternd für ihn, der noch vor ein paar Wochen gehofft hatte, in einer deutschen WG im eigenen Zimmer wohnen zu können. Das Heim bietet mehrere Wohnungen, ca. je 60 qm, mit Einbett-, Zweibett-, und Dreibettzimmern. Die Einbettzimmer werden vom Sozialamt direkt vergeben. Allerdings nur bei dringendem Bedarf, sprich Krankheit oder deutlicher Traumatisierung, so der Heimleiter. Sie sind quasi der Jackpot, den kaum jemand kriegt. Die Zwei- und Dreibettzimmer belegt der Heimleiter. Das iat relativ flexibel auch änderbar in Absprache mit den jeweiligen Bewohnern und natürlich mit deren Zustimmung.

Die Volljährigkeit bringt nicht nur den Umzug mit sich, sondern im Schlepptau noch einige weitere wichtige Aufgaben. Was steht also noch an?

  • Ummeldung im Bürgerbüro und Bekanntgabe der neuen Adresse
  • Adressänderung melden bei DVB, dort eventuell auch ein neues Konto melden, denn das Geld für eine Abo-Monatskarte wird monatlich vom Konto eingezogen
  • Meldung der neuen Adresse ans BAMF, die Bank oder Sparkasse und eventuell noch weitere Interessenten
  • Bericht über Vormundschaftsverlauf und Beschließung ans Amtsgericht
  • Eventuell gibt es noch weitere Jugendhilfe nach §41 SGB 8, dann ist diese zu organisieren

Mein Fazit: Ich empfinde es als einen ziemlich krassen Wechsel von der relativ behüteten Inobhutnahme oder auch gar der Hilfe nach §34 hin zu dieser Wohnform. Von heut auf morgen muss mein Mündel nun mit 5 anderen jungen Männern auf engem Raum leben, sich selbst versorgen, einkaufen, Essen kochen, sich ein neues Umfeld erschließen, sich selbst sein Geld einteilen und irgendwie ziemlich auf sich gestellt klarkommen.

Betreuer gibt es jetzt nicht mehr. Es gibt zwar zwei Heimleiter, aber die kümmern sich vorwiegend um die Administration des Hauses. Montag und Mittwoch kommen von 14 bis 16 Uhr zwei Sozialarbeiter und sind bei Fragen ansprechbar, zum Beispiel, wenn es darum geht, auf offizielle Briefe oder Ladungen zu reagieren.

Immerhin, das Heim hat wohl einen guten Ruf. Aber Interaktion mit Deutschen gibt es hier nicht, wenn man mal von der Heimleitung oder dem Securitymann am Eingang absieht. Es ist die Station zwischen Volljährigkeit und Asylverfahrensbearbeitung bzw.-entscheidung. Wie lange sie dauert, weiß niemand.

Willkommenskultur in der Realität. Dass es einfach werden würde, hat ja auch niemand gesagt.

 

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