Jugendhilfe für Volljährige – worauf Sie achten sollten

0

Diese Art der Jugendhilfe hilft beim Übergang in die Selbständigkeit nach dem 18. Geburtstag. Bis zu diesem Datum ist zwingend das Jugendamt für die minderjährigen Flüchtlinge zuständig, anschließend die Sozialhilfe. Das bedeutet oft Unterbringung im Flüchtlingsheim und damit einhergehend sind die (meist) Jungs dann von einem Tag auf den anderen auf sich allein gestellt, sollen selbst kochen und ihren Tag gestalten.

Meinem Schützling, nennen wir ihn Samir, wurden 6 Monate zusätzliche Hilfe nach §41 SGB VIII bewilligt. 5 Stunden in der Woche. Was das bedeutet, was es gebracht hat und worauf Sie unbedingt achten sollen, das lesen Sie hier.

Zum Umfang der Hilfe: Die Hilfe muss formlos beim zuständigen allgemeinen sozialen Dienst (ASD) des Jugendamtes beantragt werden. Dann tagt eine Runde aus Mitarbeitern des Jugendamtes, die dann anschließend über den Umfang der Hilfe entscheiden. 5 Stunden sind nicht viel, das wurde immer wieder betont – meiner Meinung nach sind 5 Stunden allerdings auch nicht wenig, was man da alles machen kann. Soviel Zeit habe ich selbst oft nicht für Samir.

Wer Glück hat, bekommt die Hilfe sogar im Umfang einer fortgeführten Unterbringung wie für Minderjährige zugebilligt. Das geht allerdings nur, wenn der Jugendliche schon nach §34, also in einer Jugendhilfeeinrichtung, untergebracht ist. Das ging hier nicht, denn Samir war bisher nur in Obhut genommen und der zuständige Mitarbeiter hatte mir eine Unterbringung in einer Jugendhilfeeinrichtung nach §34 ausgeredet, da er mit seinem 18. Geburtstag, der bald anstand, diese sowieso verlassen müsse.

Nach der bisherigen Erfahrung sage ich heute: eine Unterbringung nach § 34 lohnt sich immer. Auch und gerade kurz vor dem 18. Geburtstag. Denn NUR DANN hat der Flüchtling überhaupt die Chance, über die Hilfe nach § 41 in dieser Wohnform bleiben zu dürfen. Das hat mindestens zwei Vorteile:

  1. Es kümmern sich ausreichend Sozialpädagogen um den Flüchtling.
  2. Er wird nicht aus dem geschützten Umfeld gerissen und braucht sich um die Organisation seines Lebens noch nicht selbst zu kümmern. Gerade am Anfang und mit wenig Sprachkenntnissen ist es gar nicht so leicht, sein Leben in Abhängigkeit vom Sozialamt und in Heimunterbringung allein zu organisieren.

Gut, also Samir bekam 5 Stunden. Ziel der Hilfe war ganz grob gefasst, die Integration und Anbindung an ein deutsches Umfeld und das Vertrautmachen mit Ämtern und Behörden.

Als nächstes suchte der ASD Mitarbeiter einen freien Träger der Jugendhilfe, der diese 5 Stunden wöchentlich, zugebilligt für 6 Monate übernehmen wollte. Was das kostet?  Das Jugendamt zahlt dafür gut 6000 Euro. Wie ich finde eine Stange Geld für- lassen Sie mich rechnen: ein halbes Jahr hat ca. 26 Wochen, mal 5 Stunden (wöchentlich) macht 130 Stunden, also 46 Euro pro Stunde. Wohlgemerkt, davon kommen beim Flüchtling nur circa 2-3 Stunden pro Woche an, der Rest fällt für Administration, Fahrstrecke und Vor- und Nachbereitung des Sozialpädagogen an, die ja schließlich auch bezahlt werden müssen.

Samir sollte aus drei Bewerbern auswählen dürfen. Dazu kam es aber nicht, weil sich nur ein Sozialpädagoge fand und wir nicht weitere Wochen verstreichen lassen wollten nur für die Suche nach einem geeigneten Betreuer. So wurde es eine Dame von der Diakonie. Im Nachhinein haben wir diese schnelle Entscheidung allerdings sehr bereut, denn Sie war leider wenig hilfreich.

Hauptproblem war offenbar, dass Sie nicht recht wusste, was Sie mit Samir machen sollte. Um Ämter und Behörden wollte ich mich weiterhin kümmern, einfach um hier die Übersicht zu behalten und diese wichtigen Entscheidungen nicht aus der Hand zu geben. Für die meisten anderen Dinge des Lebens kam von Frau P. leider keine Hilfe und Samir war zu schüchtern und auch zu unerfahren um konkrete Hilfe einzufordern.

Da bin ich beim nächsten Punkt: die Aufgaben bzw. Erwartungen sollen vom Jugendlichen kommen. Ich, als Begleitperson und ehemaliger Vormund, war hier offiziell überflüssig und wurde in die Kommunikation mit dem ASD-Mitarbeiter nur ungern eingebunden, wenn überhaupt. Eine Kommunikation zwischen Jugendlichem und ASD Mitarbeiter fand während des halben Jahres auch nur zu den Hilfeplangesprächen statt. Selbst als ich den Mitarbeiter bat, sich mit dem Jungen in Verbindung zu setzen, weil ich den Eindruck habe, die Zusammenarbeit mit der Sozialpädagogin holpert, telefonierte er nicht mit dem Jungen, sondern NUR mit der Sozialpädagogin, die natürlich auch nur ihre Sicht darlegte.

Was hat die Hilfe nun für Samir gebracht? Nach seiner Ansicht nicht viel und da muss ich leider zustimmen.

Er kennt jetzt den Jugendclub LOUISE, war beim Sprachencafé, hat ein oder zwei Sportangebote kennengelernt, die ihm aber nicht besonders gefielen. Zwei dreimal hat sie geholfen, von mir organisierte Dinge voranzutreiben, wie DVB-Ticket, Job als Zeitungsausträger, Meldung bei der Ausländerbehörde. Und dann? Eine Kollegin von Ihr (Sie war im Urlaub) hat mit Samir auf meine Bitte hin, die Registrierung bei einem Deutschkurs vorgenommen, dort geht er jetzt zweimal die Woche hin.

Wie klingt das als Bilanz für 130 Stunden Jugendhilfe? Ziemlich mau? Der Mitarbeiter vom Jugendamt sagt: man dürfe da nicht so viel erwarten, Frau P. meint, ihre Hilfe sei eben schwer messbar.

Die geleisteten Stunden muss sich Frau P. quittieren lassen, Samir unterschreibt. Aber prüft er nach, was für Zeiten auf dem Zettel stehen? Er traut sich nicht mal, ein Foto von dem Dokument mit seiner Unterschrift zu machen. Eine Kopie bekommt er nicht. Obwohl ich Frau P. darum gebeten habe und Sie mir schrieb, dass das möglich sei. Ich kann ihn nur bestärken, ein Foto zu machen und die Zeiten zumindest zu vergleichen, damit er das lernt. Er wird es immer wieder brauchen, zumindest hier in Deutschland.

Andere Länder, andere Sitten, das wissen wir. Wie gravierend die Unterschiede in der Kommunikation sind, musste ich bei einem Hilfeplangespräch feststellen. Samir kommt aus Afghanistan. Dort darf man offenbar unter keinen Umständen über eine anwesende Person schlecht reden. Das Ergebnis? Auf die Frage wie zufrieden er mit der Hilfe sei, antwortete Samir „sehr gut“. Ich war total überrascht, mir gegenüber hatte er sich immer beklagt. Als ich das klarstellen wollte, wurde ich vom ASD-Mitarbeiter harsch zurechtgewiesen. Ich solle aufhören, den Jungen zu beeinflussen, sonst müsse ich den Raum verlassen. Im Nachhinein erklärte mir Samir, dass er doch nichts anderes sagen könne, wenn die Sozialpädagogin dabei sei. Er hätte ihn allein befragen müssen oder zumindest ohne die Dame.

Sie sehen, diese Jugendhilfe war leider nicht erfreulich und auch nicht wirklich hilfreich. Weder von Seiten des Jugendamtes noch von Seiten der Sozialpädagogin, die die Hilfe leisten sollte. Aber wenn Sie im Vorhinein ein paar Dinge wissen, können Sie es besser machen. Daher hier noch einmal zusammengefasst. Achten Sie auf Folgendes:

  1. Zögern Sie nicht, Ihren Schützling darin zu bestärken, im Hilfeantrag um eine Fortgesetzte Unterbringung in einer Jugendhilfeeinrichtung zu bitten. Das muss er natürlich begründen. Aber oft sind die Jungs noch nicht soweit, dass Sie hier wirklich nahezu selbständig leben könnten. Sie brauchen beim Übergang von Schule zu Ausbildung, beim Asylantrag und eventuellen Gesundheitlichen Problemen oft die Unterstützung kompetenter Erwachsener. Einen Versuch ist es doch wert und ich habe auch schon von Erfolgen gehört.
  2. Wenn es nur eine stundenweise Hilfe wird: nehmen Sie nicht die erste Person, nur weil es so schnell keine weiteren Angebote gibt. Kompetente Hilfe ist wichtig und macht den Unterschied.
  3. Definieren Sie klare Erwartungen. Das erschien mir und vor allem Samir immer sehr schwer. Das Leben ist nun mal nicht vorhersehbar und viele Hilfsmöglichkeiten ergeben sich im Alltag. Aber wenn Sie Pech haben, bekommen Sie einen Sozialpädagogen, der ganz klare Handlungsaufforderungen braucht und diese von seinem Schützling auch erwartet. Der Mitarbeiter vom ASD blies leider ins gleiche Horn: der Junge müsse klar sagen, was er braucht. Computerkurs, Sprachkurs, deutsche Freunde, das sei zu schwammig und teilweise zu viel verlangt. Deutsche Freunde – das müsse er selbst hinkriegen, die Hilfe nach §41 sei eine Hilfe zur Selbsthilfe, das betonten beide immer wieder. Also am besten haben Sie ganz klare Aufgaben mit Termin und Zwischenschritten, damit auch eine Kontrolle bzw. Nachjustierung möglich ist. Ich wünsche Ihnen einen Sozialpädagogen, der selbständig sieht, wo er helfen kann und der nicht nur bei Ämtergängen unterstützt. Aber es kann eben sein, dass Sie ganz klar formulieren müssen, wo der Hilfebedarf liegt.
  4. Wenn Sie ganz unzufrieden sind: bitten Sie um einen Wechsel der Betreuungsperson und lassen Sie sich nicht einreden, das ginge nicht. Es geht – versicherte mir vor Kurzem Frau Rambow. Holen Sie unter Umständen Unterstützung vom Jugendamt oder wenden Sie sich an die Leitung des jeweiligen ASD.
  5. Definieren Sie klar, was Ihr Schützling quittieren muss. Es ist wichtig, dass die Flüchtlinge wissen, wofür sie unterschreiben und dass sie auch auf Unklarheiten hinweisen bzw. nachfragen dürfen und davor keine Scheu haben.
  6. Klären Sie mit dem Mitarbeiter vom ASD Ihre Rolle. Eventuell hilft eine Vollmacht vom Jugendlichen an den ASD, damit Sie weiterhin über alle Belange informiert werden dürfen.
  7. Stellen Sie spätestens zwei Monate vor Ende der Hilfe eventuell einen Folgeantrag. Bis zum 21. Lebensjahr stehen die Chancen wohl offenbar gut, dass ein Antrag bewilligt wird. Gerade wenn in diesem Zeitraum Aufgaben im Bereich Schule, Ausbildung, Asyl, Wohnung und Integration anstehen.

Soviel zu unseren Erfahrungen. Ich hoffe, mit dieser Anleitung können Sie eventuelle Stolperstellen vermeiden, bzw. rasch erkennen. Ich wünsche Ihnen viel Erfolg und Ihrem Schützling eine hoffentlich hilfreiche Unterstützung auf dem Weg in ein eigenständiges Leben. Ihre Erfahrungen können Sie gern hier in den Kommentaren mitteilen. Ich freu mich, von Ihnen zu lesen.

Weitere Quellen: Leitfaden BumF zur Begleitung junger Flüchtlinge, dort speziell die Seiten zum Thema Hilfe für Junge Volljährige nach §41.

Share.

Leave A Reply