BAMF-Anhörung für minderjährige Asylbewerber – Erfahrungsbericht

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von Maren und Johannes von Korff

Die Anhörung beim BAMF ist das zentrale Element des Asylverfahrens. Hier können, sollen und müssen durch den Asylbewerber alle Umstände vorgetragen werden, die die persönlichen Gründe und Umstände beschreiben, die zur Flucht führten und die auch die Asylantragstellung in Deutschland begründen. Es gibt dazu vorab eine mehrseitige schriftliche Belehrung des BAMF, die jedem Asylbewerber übergeben wird, wenn er den Asylantrag gestellt hat. Darin wird er auf seine Mitwirkungspflichten im Rahmen des Asylverfahrens und die Bedeutung des Anhörungstermins hingewiesen. Schon diese Belehrung war für unser Mündel (Analphabet) ein unüberwindbares Hindernis. Im Rahmen der Vorbereitung auf den Anhörungstermin sollte diese Belehrung in allen Einzelheiten mit dem Mündel durchgesprochen werden, Vorlesen allein reicht nicht, damit der komplexe Sachverhalt und die Behördensprache verstanden werden. Zur Vorbereitung auf den Anhörungstermin gibt es im Internet hilfreiche Materialien zum Download (siehe z. B. http://www.nds-fluerat.org/wp-content/uploads/2016/06/FLR_Arbeitshilfe_Vorbereitung-auf-die-Anh%C3%B6rung-von-umF-im-Asylverfahren_Juni16.pdf ).

Die Anhörung sollte in aller Sorgfalt und mit viel Zeit im Zwiegespräch mit dem Mündel vorbreitet werden. Der Minderjährige muss den Anhörungstermin als für seine Existenz in Deutschland entscheidenden Moment ernst nehmen, muss darauf vorbereitet sein, offen, frei, wahrheitsgemäß, widerspruchsfrei und möglichst detailliert seine Geschichte zu erzählen. Unser Mündel war leider nicht davon zu überzeugen, sich die Zeit und Konzentration für die Vorbereitung des Termins zu nehmen, entsprechend schwierig lief das Gespräch.

Zur Anhörung selbst: Die Anhörung hat fünf Stunden gedauert und war für alle Beteiligten anstrengend und für unser nicht sehr kommunikationsorientiertes Mündel offensichtlich auch unangenehm. Für uns als Vormünder war es dennoch eine positive Erfahrung, da wir gesehen haben, wieviel Mühe sich die Anhörerin und die Dolmetscherin bei der Befragung geben und wie fair und geduldig sie auch mit dem Befragten umgehen. Die Befragung ging sehr ins Detail, einige Fragen wurden im Verlauf der Anhörung nochmals wiederholt, um Wahrheitsgehalt und Plausibilität der Antworten zu prüfen. Die folgenden Fragen wurden in etwa so gestellt, sie zeigen, auf welchen Detaillierungsgrad, welche Genauigkeit seiner Aussagen sich der Befragte einstellen muss:

Teil 1

  • Heimat: Gehörst Du zu einem bestimmten Stamm/ einer bestimmten Volksgruppe. Welcher? Stammen beide Eltern auch aus Deinem Heimatland?
  • Hast Du in Deinem Heimatland Personalpapiere besessen? Aus welchen Gründen kannst Du keine Personalpapiere vorlegen? Nenne mir Deine offizielle Anschrift in Deinem Heimatland. Hast Du Dich dort bis zur Ausreise aufgehalten? Die angegebene Adresse wurde anhand von Landkarten und Stadtplan überprüft.
  • Eltern, Geschwister, Sonstige Verwandte: Hast Du dort mit Deinen Eltern gelebt? Wann und woran sind Deine Eltern gestorben? Hast Du Geschwister? Nenne mir bitte Namen, Vornamen und Anschrift Deiner Eltern. Leben noch weitere Verwandte im Heimatland? Wie lauten die Personalien Deines Großvaters?
  • Schule, Arbeit: Welche Schulen hast Du besucht? Wo hast Du das erste Mal gearbeitet? Bei wem hast Du gearbeitet? Wie hieß Dein Chef? Wo war sein Geschäft? ( Adresse wurde wieder im Stadtplan überprüft) Wie weit war die Werkstatt von Euch zu Hause entfernt? Woher wusstest Du, wie man die Arbeit als Schreiner macht? Wie oft hast Du dort gearbeitet und wieviel hast Du verdient? Wenn Du Taschengeld erhalten hast, wie viel war das? Kannst Du mir sagen, welche Währung das gewesen ist, du hast sicher keine Euro erhalten? Und wieviel CEFA (Währung im Heimatland) hast Du erhalten? Was hast Du mit diesem Geld gemacht?
  • Warum hast Du Dein Heimatland verlassen (welche Fluchtgründe, welche konkreten Ereignisse, Erlebnisse, Gewalttaten mit eigenen Augen gesehen bzw. im unmittelbaren familiären Umfeld erlebt)?
  • Ankunft in Italien: Wo hast Du Deine Fingerabdrücke abgegeben in Italien? Ich stelle die Frage jetzt noch einmal und ich möchte, dass Du genau überlegst, was Du jetzt antwortest (Der Anträgsteller wird noch mal darüber aufgeklärt, dass er wahrheitsgemäße Angaben machen muss). Warum bist Du in Italien zu diesem Amt gegangen? Wie lange hast Du Dich in diesem Camp auf Lampedusa aufgehalten? Wann und wie bist Du zum italienischen Festland gekommen? Und das Camp war auf dem italienischen Festland, von wann bis wann warst Du dort? Und bist Du sicher, dass Du dann nicht nochmal bei einer Behörde warst? Wir wissen, dass Du am …. (Datum) in Lampedusa angekommen bist und am … (Datum) einen Asylantrag gestellt hast. Möglicherweise wolltest Du keinen Asylantrag stellen, hast vielleicht auch den Dolmetscher nicht verstanden. Ich möchte aber, dass du mir sagst wo genau Du gewesen bist.
  • Ankunft in Deutschland: Wann bist Du in Deutschland eingereist? Wo bist Du angekommen? Woher weißt Du dieses Datum so genau? Haben Sie sich vor Ihrer Einreise nach Deutschland vorübergehend in einem anderen Land aufgehalten? Waren Sie woanders? Wie bist du in Deutschland eingereist. Woher hattest Du das Geld für das Zugticket? Du bist mit ……€ in Deutschland angekommen. Woher hattest Du das Geld? Wie lange müsstest Du für ……€ betteln? Wieso hast Du Dir kein Zugticket gekauft?
  • Beschreibe mir Deinen Weg vom Heimatland bis nach Deutschland. Wurdest Du von Italien bis Deutschland im Zug nicht kontrolliert? Was ist in der Schweiz passiert? Hat Dich jemand begleitet? Hast Du unterwegs jemand kennengelernt? Woher hattest Du ein Handy? Von welchem Geld hast Du in Libyen ein Telefon gekauft?
  • Prüfung der Plausibilität von Angaben des Antragstellers aufgrund widersprüchlicher Altersangaben und Jahreszahlen: Wann ist der Krieg ausgebrochen? Dein Vater ist im Jahr … gestorben, Du hast Dein Heimatland im Jahr … verlassen, wo hast Du in dieser Zeit gelebt? Wie lange hast Du bei den Nachbarn gelebt? Wie alt warst Du, als Du in das Nachbarland gekommen bist? Hast Du Wehrdienst geleistet? Wie alt bist Du gewesen, als Deine Mutter/Dein Vater gestorben ist? Bist Du sicher, dass Deine Mutter im Jahr … gestorben ist? Wenn Deine Mutter im Jahr … gestorben ist, müsstest Du eigentlich …. Jahre alt gewesen sein….

Teil 2

Dem Antragsteller wird dann erklärt, dass er nun zu seinem Verfolgungsschicksal und den Gründen für seinen Asylantrag angehört wird. Er wird aufgefordert, die Tatsachen vorzutragen, die seine Furcht vor Verfolgung oder die Gefahr eines ihm drohenden ernsthaften Schadens begründen. Weiterhin hat er alle sonstigen Tatsachen und Umstände anzugeben, die einer Abschiebung oder einer Abschiebung in einen bestimmten Staat entgegen stehen.

Das Mündel berichtet über Morde in seinem Heimatland. Nachfrage, er solle Details berichten. Antwort: ich habe sehr viele Details, die ich erzählen kann, wenn ich damit anfange, werden wir morgen noch hier sitzen. Da das Mündel von sich aus nicht detaillierter wird, wurden viele Detailfragen gestellt:

  • Wie ist Dein Vater ums Leben gekommen? Welche Leute waren in dem Moment bei deinem Papa? Hast Du mit Deinem Vater allein gelebt? Hat Dein Vater Probleme gespürt oder hat er Dir mal irgendetwas erzählt?
  • Wie heißt die Moschee, in der Dein Vater Imam war? Hattest Du oder dein Vater Probleme, bevor er umgebracht wurde? Und wenn ja, welche? Hatte Dein Vater vor seinem Tod Probleme mit jemand? Was passierte, nachdem Dein Vater gestorben ist und beerdigt wurde?
  • Wie sah Euer Alltag aus? Mit was hat dein Vater gehandelt? Hat man Euch in Eurem Stadtviertel äußerlich als Muslime erkannt? Hätten Euch fremde Personen in Eurem Stadtviertel als Muslime erkannt? Hat Dein Vater ein traditionelles Gewand getragen?
  • Du hast eine Gruppierung genannt, die Deinen Vater umgebracht hat. Woher weißt du/warum glaubst Du, dass Anhänger dieser Gruppe deinen Vater umgebracht haben? Gab es mehrere Vorfälle dieser Art bei Euch im Viertel? Als dein Vater ermordet wurde, war da die Polizei bei Euch zu Hause? Wurden die Muslime durch die Polizei bei Euch im Viertel beschützt? Von wem konkret befürchtest du umgebracht zu werden? Hattest du eine persönliche Auseinandersetzung mit der Gruppierung, die Du fürchtest? Hast Du außer dem Verbrechen mit deinem Vater ein anderes persönlich erlebt? Warum befürchtest Du, dass man Dich ebenfalls umbringen würde? Was passiert in Deinem Land mit Kindern, die ihre Eltern verloren haben? Warum bist du nicht auch in die Moschee gegangen, obwohl man sich dort um verlassene Kinder gekümmert hat? Wann verließ die Nachbarsfamilie mit dir das Land? Warum hat die Familie Dich im Nachbarland zurückgelassen?
  • Wieso hast Du Italien verlassen, wenn Du dort schon sicher warst? Warum wolltest Du dort nicht bleiben? Aus welchem Grund bist Du nach Deutschland gekommen?
  • Kennst Du die aktuelle Situation in Deinem Heimatland?

Zuletzt wurden noch Fragen zum Bemühen des Antragstellers um Integration und seiner aktuellen Situation gestellt, z.B.: Besuchst Du regelmäßig die Schule? Warum hast du morgen einen Termin auf dem Polizeirevier in Dresden? Wo hast Du Dich zuletzt aufgehalten?

Am Ende der Anhörung hat der Vormund die Möglichkeit zu ergänzenden Anmerkungen bzw. zur Stellungnahme. Über die Anhörung wird ein Protokoll gefertigt (10 Seiten) und für den Antragsteller rückübersetzt und mit ihm durchgesprochen (das macht die Dolmetscherin), auch er hatte die Möglichkeit zu Korrekturen oder Ergänzungen des protokollierten Gesprächsinhalts.

Quintessenz:

Die Vorbereitung ist extrem wichtig. Genaue Angaben zur familiären Situation, zur Lage im Heimatland und zum Fluchtweg sind wichtig, Jahreszahlen und Altersangaben, geographische Angaben (z.B. Straßennamen- werden überprüft) müssen übereinstimmen. Das Mündel muss die Prozedur als extrem wichtigen Schritt im Asylverfahren ernst nehmen und sollte deswegen hochkonzentriert und ausgeschlafen zu dem Termin erscheinen. Wichtig sind absolut wahrheitsgemäße Antworten. Lieber zugeben, dass man etwas nicht mehr weiß, als irgendeine „Story“ zu erzählen. Der Wahrheitsgehalt der Angaben wird durch wiederkehrende Rückfragen kontrolliert. In unserem Fall war die Anhörerin sehr gut vorinformiert, sowohl, wann und wo der Flüchtling in Europa angekommen ist, wo es welche Behördenkontakte gab, wo Fingerabdrücke abgegeben wurden, Asylantrag gestellt wurde, etc., auch zu Abgängigkeiten und negativen Vorfällen, regelwidrigem Verhalten des Minderjährigen hier in Dresden.

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2 Kommentare

  1. Rambow, Heike on

    Zur Anhörung muss Ihr Mündel das Dokument mitbringen, welches die Ausländerbehörde ihm/ihr ausgestellt hat, um sich auszuweisen. Die Aufenthaltsgestattung ist der Aufenthaltstitel. Sie müssen Ihren Personalausweis und den Nachweis über die Vormundschaft vorlegen. Planen Sie bitte viel Zeit ein, denn eine Anhörung kann gut auch mehrere Stunden dauern. Essen und Trinken ist mitzunehmen.
    Es ist möglich, sich beim Flüchtlingsrat einen Termin zur Beratung geben zu lassen. In der Regel sollte das Mündel dabei sein, schon damit man Kontakt hat, es die einzelnen Anlaufstellen kennenlernen kann und auch erlebt, was der Vormund alles für das Mündel unternimmt, um es zu unterstützen.

  2. Vielen Dank für den ausführlichen Bericht!

    Ich bin erst seit 2 Wochen Vormund und habe mit meinem Mündel schon in 7 Wochen die Anhörung. Auf den gängigen Informationsseiten habe ich mich inzwischen etwas in die Thematik eingelesen. Mir ist aber noch unklar, was wir zwingend mit zur Anhörung bringen müssen. Ist Aufenthaltstitel und Aufenthaltsgestattung das gleich?? Muss ich ein Passfoto mitnehmen oder machen die das dort? Ansonsten Essen und Trinken… Habe ich was vergessen?

    Noch weiß ich recht wenig über die Geschichte meines Mündels. Ist es besser, sich jetzt schon beraten zu lassen oder sollte ich erst eine Beratungsstelle aufsuchen, wenn ich die Geschichte etwas kenne? Und nehme ich mein Mündel mit zur Beratungsstelle oder gehe ich allein?

    Normalerweise bin ich viel selbstständiger, aber so kurz nach der Bestallung hat mich der schnelle Anhörungstermin kalt erwischt und ich möchte nicht, dass mein Mündel aufgrund meiner Unerfahrenheit Nachteile hat.

    Vielen Dank

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